von Mathias Claus
Es muss 1979 oder 1980 gewesen sein, als ich mit drei oder vier Kommilitonen meines damaligen Fachbereichs Werbung und Kommunikationstechnik der Hochschule der Künste Berlin die Idee hatte, die für unseren weiteren Weg prägend werden sollte. Wir wollten für Bernward Wember eine Gastprofessur an unserer Hochschule. Der damalige Fachbereichsleiter gab uns sein erstes Einverständnis und wir riefen Bernward Wember in München an und fragten ihn, ob er Interesse hätte, nach Berlin zu kommen.
Ich erinnere mich noch sehr genau an dieses Telefongespräch. Wember reagierte nicht reserviert oder abwägend, er war begeistert, lobte unsere Initiative, sprach von Engagement, von Neugier und Verantwortung. Für uns ein erhebender Moment. Wichtiger aber war das Ergebnis. Wember hatte Interesse und er hatte Lust. Und seine Lust war ansteckend.
Wie genau der Weg von unserem Anruf bis zu seiner Berufung an die HdK verlief, weiß ich heute nicht mehr im Detail. Unvergessen ist mir jedoch der Tag seiner Probevorlesung. Vorab traf er sich mit uns, die ihn angesprochen hatten. Es war kein hierarchisches Gespräch, sondern ein Austausch auf Augenhöhe. Diese Haltung sollte sein Wirken als Professor prägen.
In seiner Lehre ging es um die Informationspraktiken des Fernsehens, um Verantwortung, um Dramaturgie und viel auch um die damals noch jungen Phänomene der aufkommenden privaten Fernsehsender und der Offenen Kanäle. Wember verstand Medien nie als neutrale Übertragungsmaschinen. Für ihn waren es gestaltete Wirklichkeitsangebote, deren Form, Perspektive und Inszenierung entscheidend sind für das, was beim Publikum ankommt und eben auch das, was nicht ankommt. Manchmal auch bewusst und manipulativ nicht ankommen sollte.
1983 reichte ich meine Diplomarbeit bei ihm ein. „Der beteiligte Zuhörer – Über das Spannungsverhältnis zwischen Konsumenten und Produzenten beim Hörfunk“. Meine zentrale These: die Einbahnstraße der Medien – hier die Produzenten, dort die Konsumenten – muss und kann überwunden werden. Heute, im Zeitalter sozialer Medien, wirkt diese Überlegung fast selbstverständlich. Damals war sie es nicht.
Den Konsumenten zum Produzenten zu machen. Bernward Wember nahm meine Gedanken sehr ernst. Wir trafen uns häufig, diskutierten, stritten, schärften Begriffe. Er versorgte mich mit Hinweisen, mit Gegenargumenten, mit Ermutigung. Er war Erstgutachter meiner Arbeit und ebenso ein Mentor, der mein Denken forderte, ohne es zu lenken.
Auch nach meinem Abschied von der Hochschule blieb der Kontakt bestehen. Ich unterstützte ihn bei der Medienarbeit zu seinem Film „Vergiftet oder arbeitslos“ (1982 im ZDF urgesendet), einem Werk, das beispielhaft für sein medientheoretisches und publizistisches Selbstverständnis steht. Der Film thematisiert den Konflikt zwischen Ökologie und Ökonomie und macht sichtbar, wie industrielle Landwirtschaft, Chemie und Natur in Kreisläufe gezwungen werden, deren Konsequenzen verdrängt oder vereinfacht werden.
Wember war parteiisch und vermittelte jedem seinen Standpunkt. Er provozierte damit den im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oft missverstandenen Anspruch auf „Ausgewogenheit“ innerhalb einer einzelnen Sendung. Stattdessen argumentierte er für Binnenpluralität. Nicht jede Sendung oder jeder Beitrag müsse alles ausgleichen, wohl aber das Gesamtprogramm. Diese Haltung war medienethisch fundiert, journalistisch mutig und ist bis heute aktuell.
Sprecher und Erklärer im Film ‘Vergiftet oder Arbeitslos‘ war Gustl Bayrhammer, dessen ruhige, zugleich eindringliche Präsenz die Bildergeschichte trug. Die zunächst ungewohnte, dann zunehmend faszinierende Bilddramaturgie machte sichtbar, dass abstrakte Debatten die Abhängigkeit der Landwirtschaft von industriellen Produktionsweisen und deren ökologischen Kosten meist verdecken.
1985 entstand eine gemeinsame Idee. Wir wollten einen Wahlwerbespot für die Grünen in einer ähnlichen Ästhetik und Radikalität wie „Vergiftet oder arbeitslos“ drehen. Damals war ich Pressesprecher der Alternativen Liste im Berliner Abgeordnetenhaus und wir beide fuhren gemeinsam zum Parteitag der Grünen nach Hagen, um dort Wembers Konzept für den Spot vorzustellen. Bayrhammer hatte ihm mündlich zugesagt mitzumachen. Wember wollte den Film ohne Honorar realisieren, lediglich die Kosten sollten gedeckt werden.
Doch in Hagen liefen wir gegen Wände. Das Konzept galt als „zu professio- nell“, „nicht authentisch genug“. Am Ende entschied man sich für eine alternative Mediengruppe aus Köln, die Wahlwerbespots auf VHS produzierte. Die eher peinlichen Ergebnisse sind vermutlich noch heute auf YouTube zu finden. Auf der Rückfahrt nach Berlin ärgerten wir uns, lachten aber auch. Wember zitierte sinngemäß, dass man in Hagen glaube, der Wurm müsse dem Angler schmecken, nicht dem Fisch.
Mitte der 1980er Jahre verloren wir uns aus den Augen. Wir begegneten uns noch einige Male. Wember lachte herzlich, als ich ihm erzählte, dass ich inzwischen Pressesprecher der Schering AG war. Andere in meinem Umfeld nahmen mir diesen Schritt übel. Wember nicht. Für ihn war Professionalität kein Gesinnungsmerkmal, sondern eine Haltung.
Bernward Wember war mein Professor. Er war der Gutachter meiner Diplomarbeit. Vor allem aber war er über lange Zeit ein Mentor und eine prägende Persönlichkeit in meinem Leben. Gespräche mit ihm fanden stets auf Augenhöhe statt – klug, offen, respektvoll.
Ich bedaure heute, dass wir beide den Kontakt nicht aufrechterhalten haben. Als ich seine Traueranzeige las, ließ mich das nicht mehr los. Erinnerungen kamen zurück, Gedanken, Gespräche, eine verhältnismäßig kurze, aber sehr intensive gemeinsame Zeit vor mehr als vierzig Jahren.
Bernward Wember steht für eine Medienkompetenz, die Haltung und Handwerk verbindet. Für eine Wissenschaft, die sich nicht im Abstrakten verliert. Für Lehre, die Studierende ernst nimmt. Und für einen Begriff von Aufklärung, der Komplexität sichtbar und greifbar macht.
Er fehlt. Als Professor. Als Medienwissenschaftler. Und als Mensch. Mein Respekt und mein Beileid gilt seiner Familie und seinen engen Freunden.